Partielle Sonnenfinsternis über Lilienthal – und was für eine

Partielle Sonnenfinsternis über Lilienthal – und was für eine

Sonnen- und Mondfinsternisse werden schon lange vorausberechnet und in allen Einzelheiten auf verschiedenen Plattformen veröffentlicht. Oft sind es Zahlen und Grafiken, mit denen man sich ein Bild vom kommenden Geschehen machen kann. Wobei wir aus den Erfahrungen der vormaligen Ereignisse dieser Art schöpfen können und uns auf die verschiedene Unwegsamkeit vorbereiten können. Bedeckter Himmel, vielleicht sogar Regen – alles Dinge, die wir kennen und die wir im Kalkül haben. Am 12. August 2026 sollte um 19:14 Uhr, etwa eine gute Stunde vor Sonnenuntergang, der Mond seinen ersten Kontakt mit der „Sonnenscheibe“ haben.

Zunächst mussten wir berücksichtigen, dass einige Vereinsmitglieder, die wir für eine Veranstaltung gerne eingesetzt hätten, nach Mallorca und Nordspanien gereist waren, um dort die totale Sonnenfinsternis (SoFi) mitzuerleben. Das Gute daran war, dass es mit ziemlicher Sicherheit einen schönen Bericht davon auf der Homepage und der HiPo geben dürfte. Und ein Vortrag ist für Ende Oktober auch bereits in Murkens Hof in der AVL-Vortragsreihe vorgesehen.

Abbildung 1: Lange Schlangen vor dem AVL-Pavillon zum Ergattern der SoFi-Brillen
Abbildung 1: Lange Schlangen vor dem AVL-Pavillon zum Ergattern der SoFi-Brillen

Wir planten dieses Ereignis einmal mehr am Telescopium in Lilienthal durchzuführen. Durch die direkte Straßenbahnanbindung hatte sich dieser Ort bewährt. Aber was mussten wir feststellen: Vom Telescopium und dem Gelände aus wird die Sonne in der entscheidenden Phase gar nicht zu sehen sein. Was tun?

Es sollte einen Vortrag zur SoFi und, wenn es klappte, eine Direktschaltung auf ein Angebot der ESA geben, damit die SoFi in Spanien live miterlebt werden konnte – und das dann als totale SoFi. Das hatten wir 2015 in Wührden schon einmal erfolgreich durchgeführt, als die totale Sonnenfinsternis über Spitzbergen übertragen wurde. Insgesamt waren das schon einmal akzeptable Grundlagen dafür, etwas anbieten zu können. Dennoch, direkt beobachten zu können, was sich vollzieht, ist immer eindrucksvoller.

Ingo Karbowski und ich probierten im Vorfeld daher aus, was am 12. August um 19:15 Uhr bis Sonnenuntergang vielleicht doch möglich sein könnte. Und ja, es könnte klappen. Von der Wümmebrücke vor dem Telescopium-Gelände aus wird es freie Sicht geben – zumindest bei klarem Himmel. Genau in Richtung des Flussverlaufs sollte sich das Ereignis beobachten lassen – vielleicht sogar bis zum Maximum der Bedeckung. So waren nun doch ganz brauchbare Voraussetzungen gegeben. Die Presse wurde informiert und die Vereinsmitglieder aufgefordert, mit ihren Geräten etwas aufzubauen.

Abbildung 2: Langsam füllte sich die Wümmebrücke in Lilienthal
Abbildung 2: Langsam füllte sich die Wümmebrücke in Lilienthal

Der Tag rückte näher. Wir hatten Sonnenfinsternis-Brillen beschafft, die wir gegen eine geringe Spende ausgeben wollten. Zwei Tage vor dem Termin gingen erste Anrufe bei mir ein, um zu erfragen, was bei uns geboten werden würde. Immer mit der Frage verbunden, ob wir dann noch SoFi-Brillen hätten. Einen Tag vorher steigerten sich die Anrufzahlen – geduldig beantwortete ich alle Fragen. Ab dem Morgen des 12. ging es dann richtig los. Das Telefon stand nicht mehr still. Zum Frühstück mussten meine Frau und ich unsere beiden Telefone mit Kissen abdecken – ausschalten wollten wir sie nicht. Mir schwante es allmählich. Denn die Fuß- und Radwege auf der Wümmebrücke sind zwar breit, dennoch von ihrer Kapazität begrenzt. Und bei der Gemeinde hatten wir nichts angemeldet. Niemand von uns hatte einen Gedanken daran. Jetzt machte ich mir mehr Sorgen um die möglicherweise sehr vielen Besucher. Wie auch immer, jetzt gab es kein Zurück mehr.

Offiziell sollte es von unserer Seite um 18:30 Uhr beginnen. Ich kam gegen 17:45 Uhr am Telescopium an und musste feststellen, dass bereits erste Besucher mit Decken das Gelände bevölkerten. Und sogleich kam die Frage nach den hoffentlich vorhandenen SoFi-Brillen auf. Es musste also einiges geregelt werden. Wir stellten Tische und unseren Pavillon auf und begannen die Besucher einigermaßen mit Infos und eben jenen Brillen zu versorgen. Immer mit der Bitte verbunden, sich diese Brillen zu teilen und untereinander immer wieder zu tauschen. Insgesamt hatten wir neunzig SoFi-Brillen – so viele wie noch nie. Bei ähnlichen Veranstaltungen hatten wir selten mehr als dreißig Stück.

Abbildung 3: Komplette Überfüllung der Wümme-Brücke während der Finsternisphase
Abbildung 3: Komplette Überfüllung der Wümme-Brücke während der Finsternisphase

Es dauerte nicht lange und der Platz vor dem Telescopium wurde gefüllt und die Brücke bevölkert – auf beiden Seiten der Straße. Wir hatten drei Sonnenteleskope aufgestellt, an denen bereits jetzt, gegen 18:30 Uhr, die Sonne beobachtet werden konnte. Unzählige Fragen waren zu beantworten und obwohl vom Mond vor der Sonne noch gar nichts zu sehen war, kam erste Begeisterung auf. Gottlob hatten sich unsere Schutzbrillen gut unter den Besuchern verteilt und es war der bemerkenswerten Disziplin der Besucher zu verdanken, dass es zu keinen Unmutsäußerungen kam.

Jetzt wurden beide Seiten der Straßenbrücke von den Besuchern belegt und teilweise sogar die Fahrbahn – auf was hatten wir uns da eingelassen? Die Straßenbahn musste ihre Klingel einsetzen und Fahrradfahrer hatten Mühe den Radweg zu benutzen. Die rot/weißen Pylonen, die mir meine Frau aus der Schule besorgt hatte und mit denen wir wenigstens den Radweg abgrenzen wollten, standen inzwischen völlig nutzlos zwischen den Besuchern.

Die Bedeckung begann pünktlich um 19:14 Uhr. Die Begeisterung unserer Gäste war jetzt förmlich zu fühlen. Und wenn auch viele von uns AVL-ern schon so manche Finsternis erlebt hatten, diese war irgendwie besonders. Es hatte etwas Magisches – ein kosmisch völlig natürliches Geschehen und doch etwas, was alle in seinen Bann zog. Wenn nun in diesen eineinhalb Stunden auch noch alles auf der Brücke gut gehen sollte, würde es eine der beeindruckendsten Veranstaltungen werden, die wir bisher hier am Telescopium verzeichneten. Und es ging gut! Erst als das Maximum der Bedeckung der Sonne durch den Mond von ca. 86 % erreicht war, verabschiedeten sich die beiden Himmelskörper hinter den Bäumen.

Abbildung 4: Schnappschuss der partiellen Sonnenfinsternis
Abbildung 4: Schnappschuss der partiellen Sonnenfinsternis

Ab 19:30 Uhr gab es einen Livestream, der von der ESA aus Spanien angeboten wurde. Wir hatten den großen Monitor in der Besucher-Info laufen und so konnte, wer wollte, auch die totale Sonnenfinsternis in Spanien verfolgen. Soweit ich es beobachten konnte, interessierte sich niemand dafür. Und das ahnte ich auch, denn das unmittelbare Geschehen live zu verfolgen, hat eine ganz andere Qualität.

Dass ich zum Schluss auch noch meinen vorbereiteten Vortrag halten musste, hätte ich selber nicht mehr haben müssen – aber ein Spielverderber wollte ich nicht sein. Danke an Ingo Karbowski, danke an Karl-Heinz Großheim, danke an Katharina Kurze, danke an Klaus Bredehöft, danke an Helmut Minkus und danke an alle anderen…

Was haben wir gelernt?

Nun, wenn mit so vielen Besuchern zu rechnen ist, muss besser vorbereitet werden. Ist der öffentliche Raum einbezogen, muss die Gemeinde eingebunden sein. Und wir werden uns für die nächste Veranstaltung, zumindest wenn es um eine Sonnenfinsternis geht, mit noch mehr Schutzbrillen versorgen. Und das muss auch noch gesagt werden: Diese SoFi war anders…

Gleich noch ein Hinweis:
Wir haben bereits einen Vortrag zur Sonnenfinsternis geplant. Am Dienstag, dem 27. Oktober, soll dieser Vortrag aufgrund des großen Interesses nun im Schroeter-Saal in Murkens Hof stattfinden. Ursprünglich hatten wir unser Vereinsheim dafür vorgesehen – das bitte bereits jetzt beachten!

Text und Bilder: Gerald Willems

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